Bookmark and Share

   

Kirchengeschichte(n)

 

 


 

Kirche im Lagerbuch I

Im Archiv unserer Kirchengemeinde befinden sich Lagerbücher ab 1503.
Das sind Bücher, in denen die Grundstücke, Gebäude, Inventarien, Geräte, Rechte und Einnahmen der Gemeinde bzw. der „Pfarrei“ verzeichnet sind. Das größte „Lagerbuch“ ist 50 cm hoch und 38 cm breit. Die Aufzeichnungen beginnen etwa um 1850 (ein Exemplar fehlt) und enden im Jahr 1905.
Der erste Teil der „Folie“ hat die Spalten „Laufende Nr.“, „Benennung des Gebäudes“, „Lage“, „Größe“, „Bauart und Beschaffenheit“;  außerdem: „Wie solches benutzt wird“; „Für welche Summe es im Brandkataster versichert ist“; „Wem die Unterhaltung der Gebäude obliegt“ und „Bemerkungen“.
Auf Seite 1 ist in gestochen schöner „deutscher Schrift“ über „Die Kirche“ geschrieben:
„Die Kirche, in der Mitte des Dorfes Ferndorf gelegen, ist vom Kirchhof umgeben, der durch eine Mauer begrenzt wird. Dieselbe hat eine Länge von 104 Fuß inkl. Chor und Thurm und eine Breite von 43 Fuß und ist im romanischen Stil massiv erbaut und mit Schiefer gedeckt. Das Innere der Kirche besteht aus einem Schiff, dem mittleren Raum, dem Chor östlich und dem Thurm (westlich).
Das Schiff enthält 3 Bühnen (heute Emporen genannt). Westlich am Thurm liegt die sogenannte große Bühne, auf welcher sich die Orgel befindet, nördlich vom Thurm liegt die Müsener Bühne und südllich von demselben befindet sich die Loher Bühne. Sämtliche Bühnen sind mit 5 Bankreihen versehen, welche zusammen 838 laufende Fuß Sitzplätze enthalten. Der untere Raum wird von einem Kreuzgang durchschnitten. Im mittleren Theile dieses Raumes befinden sich zu beiden Seiten des Ganges 16 Frauenbänke, hinter diesen stehen nochmals 16 Bänke, die sogenannten Männerbänke, von welchen die vorderen ebenfalls von Frauen, die hinteren jedoch von Männern benutzt werden. Die Kanzel steht am westlichen Ende des Chores, südlich von derselben, am Fuße des Chores der Altartisch, welcher von den Bänken der Katechumenen und Konfirmanden umgeben wird.
Im Chor befinden sich zu beiden Seiten des Ganges 11 Bänke, welche für die Jünglinge der Gemeinde bestimmt sind. Sämtliche Einrichtungen sind von Eichenholz gefertigt und mit Lack gestrichen.“
Diese Zeilen geben einen guten Einblick in die Kirche vor dem Umbau 1887 (die „alte Kirche“) und vielleicht auch ein wenig in das damalige gottesdienstliche Gemeindeleben. Es war die Zeit, in der Pastor Wilhelm August Carl Usener, geb. 1815 zu Hohensolms, in Ferndorf wirkte. Pastor Usener, der nicht nur die Erwachsenen, sondern auch alle Ferndorfer Kinder kannte (mündlich überliefert), war von 1839 bis 1846 Hofmeister des später regierenden Fürsten von Berleburg gewesen. 1849 wurde er Gemeindepfarrer des Kirchspiels Ferndorf. Der originelle und beliebte Usener war und blieb ein Freund der Missions- und Erweckungsbewegung. Ab 1852 führte er eine Reihe von Bibel – und Missionsfesten durch. Er starb 1885 in Ferndorf.
Erhard Krämer

 


 

Kirche im Lagerbuch II

Das Pfarrhaus   (Fol. 47-1.)

„Das Pfarrhaus, am örtlichen Ende des Dorfes Ferndorf, auf dem so genannten Pfarrhofe gelegen, ist 89 Fuß lang und 24 ½ Fuß breit, von Holz und Lehmfachwerk erbaut und mit Stroh gedeckt, hat eine niedrige Geschosshöhe (ca. 6-7 Fuß) und befindet sich in einem sehr baufälligen Zustand, so dass auf einen Neubau Bedacht genommen werden muss.
Im unteren Stock befinden sich von Eingang rechts: die Wohnstube, neben derselben die Küche und an dieser eine Vorratskammer; links die Gesindestube, neben derselben der Kuhstall, an diesem die Miststätte und am äußersten Ende ein Holzstall.
Im oberen Stock befinden sich rechts ein Studier-, Schlaf- und Archivzimmer; links ein Saal über dem Kuhstall, neben demselben zwei Fremdenstuben, von welcher die eine über der Miststätte, die andere über dem Holzstall liegt.“
Es sind folgende Veränderungen eingetragen: “Das Gebäude ist durchweg repariert und mit einem Schieferdach versehen, auch unterm 1. April aufs Neue zu 10.050 Mark bei der Westfälischen Provinzial-Feuer-Sozietät versichert.“ „Das Pfarrhaus ist wegen seines schlechten baulichen Zustandes und weil durch den Neubau eines solchen bedingt, im Jahre 1905 abgebrochen worden.“
In seiner „kurzgefassten Geschichte der Kirche und der Pfarrei zu Ferndorf“, im gleichen Lagerbuch, schreibt Pastor Romberg, die „größ-ere Kirchengemeinde-Vertretung“ habe einstimmig beschlossen, in Ferndorf ein neues Pfarrhaus zu bauen, da das alte „wahrscheinlich aus der Reformationszeit stammende, durch einen Anbau im Jahre 1769 vergrößerte Haus“ baufällig geworden sei. Die Kosten wurden auf 25.000 Mark veranschlagt, die bei der Landesbank angeliehen werden mussten.
Das neue Haus wurde auf dem Hofraum vor dem alten „senkrecht zu dem östlichen Teile desselben und dicht an dieses anstoßend errichtet…“ Bei den Ausschachtungsarbeiten stieß man auf alte Mauerreste und einen verschütteten Brunnen. Teile einer Lanze und ein alter Rost kamen dabei zum Vorschein. Das Pfarrhaus wurde im Dezember 1904 bezogen.
Mauer und Brunnen lassen auf ein sehr altes, früheres Gebäude schließen. War es das erste Pfarrhaus des Kirchspiels oder etwa der Ferndorfer „Urhof“?
P.S. Pastor Romberg stellt die Frage, ob der Rost in Beziehung zum alten Wahrzeichen der Ferndorfer Kirche (Rost des Märtyrers Laurentius, Marterwerkzeug) zu setzen sei. Das erschien ihm dann aber doch sehr fraglich zu sein. Nun ja.

Erhard Krämer

 


 

 

Kirche im Lagerbuch III

Die Pfarrscheune  (Folio 47 - 2)

"Die Pfarrscheune, auf dem Pfarrhofe, nordöstlich vom Pfarrhause gelegen, ist 50 Fuß lang und 20 Fuß breit, von Holz und Lehmfachwerk erbaut und mit Stroh gedeckt. In der Mitte befindet sich eine Dreschtenne, an beiden Seiten Luken, am westlichen Ende ein Reservestall und ein Holzstall. Die Scheune ist alt und in einem baufälligen Zustande."
Veränderung: "Die Pfarrscheune ist wegen großer Baufälligkeit theilweise abgebrochen, neu aufgebaut bzw. einer umfassenden Reparatur unterzogen worden. Dieselbe ist jetzt 11,00 Meter lang, 6,40 Meter breit und 3,00 Meter hoch. Sie enthält die Dreschtenne, eine Holzremise sowie einen Pferdestall..." (wahrscheinlich auch 1870) Veränderungseintragung:
"Die Scheune ist durch einen Anbau vergrößert und wird mit letzterem jetzt
als Confirmandenhaus benutzt."
(1897)
In der beim Pfarrhausartikel schon erwähnten Gemeindegeschichte schreibt Romberg: "Im Laufe des Jahres 1901 wurde das Gemeinde- bzw. Konfirmandenhaus durch einen Anbau vergrößert - neue Bühne und kleiner Saal. Der Betrag von 5000 Mark  wird .....durch freiwillige Gaben, Sammlungen und dergl. gedeckt, ebenso die für das Haus angeschafften Instrumente des Posaunenchores von ca. 1000 Mark und das Harmonium von 400 Mark.
Am Reformationsfest, dem 3. November 1901, wurde der neue erweiterte Bau unter großer Beteiligung mit einer würdigen Festfeier geweiht und seinem Gebrauche übergeben." 
Das Konfirmandenhaus wurde beim Luftangriff am 18. März 1945 stark beschädigt. Es wurde zwar bald repariert, so daß wieder Konfirmandenunterricht erteilt werden und die Chor- und Gruppenarbeit wieder aufgenommen werden konnte. Ein gutes Vierteljahrhundert später wurde in unmittelbarer Nähe das neue Gemeindehaus gebaut. Es wurde 1972 eingeweiht.


Der Nebenbau    (Folio 48)

"Der Nebenbau, dem Pfarrhause nördlich gegenüber, ist 45 Fuß lang und 20 Fuß breit, von Holz  und Lehmfachwerk erbaut und mit Stroh gedeckt. Unter demselben befindet sich ein gewölbter Keller. Im untern Stock befindet sich, dem Eingange gegenüber, ein Hühnerstall und an diesem ein Pferdestall; links vom Eingang eine Waschküche. Im obern Stock befindet sich östlich eine Stube, welche zum Unterricht der Confirmanden benutzt wird, westlich eine solche, welche zur Aufbewahrung der vorrätigen Frucht dient. Der Nebenbau ist noch in einem ziemlich guten baulichen Zustande."   Der Gewölbekeller ist noch erhalten. Er wurde viele Jahre als Kokskeller benutzt.
Veränderungsnachtrag: "Der Nebenbau ist wegen seines schlechten baulichen Zustandes und durch den Pfarrhausneubau bedingt, im Jahre 1905 abgebrochen worden."   (1907) 
Das Nebengebäude ist bei Irle, Ferndorf - Ein Siegerländer Dorfbuch - auf Seite 210 abgebildet.
In der Zeit von 1885 bis 1908 war Hermann Romberg als Nachfolger von August Wilhelm Carl Usener Pastor in Ferndorf.  Über ihn kann in einem späteren Gemeindebrief berichtet werden.

Erhard Krämer

 


 

Pastor Hermann Romberg (1847-1908)

Teil 1

Im letzten Gemeindebrief wurde ein Bericht über den rüheren Ferndorfer Pfarrer Romberg angekündigt. Dessen erster Teil kann nun erfolgen.

Hermann Romberg wurde 1847 als Sohn des Arztes und liberalen Politikers Dr. Hermann Romberg in Hilchenbach geboren. Auf der Universität Bonn war er Schüler von Prof. Alfred Christlieb. Von 1874 bis 1885 war er Pastor in Müsen und wurde dann als Nachfolger von Pastor Usener ins Ferndorfer Pfarramt gewählt.

Romberg war ein engagierter Gemeindepfarrer und guter Seelsorger.

Im Gegensatz zu den meisten seiner Amtsbrüder, die die christlich-soziale "Stöckerbewegung" förderten, unterstützte er die Nationalliberale Partei und besonders deren Reichstagskandidaten und Ferndorfer Presbyter Kornmerzienrat Heinrich Adolf Dresler aus Kreuztal. Dresler eroberte den Wahlkreis Siegen-Wittgenstein-Biedenkopf am 24. Juni 1893 gegen den Berliner Hofprediger Stöcker. Im Amt Ferndorf erhielt er über 71 % der Stimmen.

Das bedeutendste Ereignis in der Amtszeit Rombergs war wohl der Erweiterungsbau der Ferndorfer Kirche ("Neue Kirche") im Jahr 1887. Die Kreissynode Siegen wählte ihn 1902 zum Superintendenten. Er starb 1908 in Ferndorf.

Über Hermann Romberg ist schon mancherlei geschrieben worden. Hier soll er nun selbst zu Wort kommen mit (noch nicht veröffentlichen) Ausführungen, die er uns im "Lagerbuch" der ev.-ref. Kirchengemeinde Ferndorf hinterlassen hat.

Er schreibt u. a.: Am 20. August des Jahres 1902 fand die feierliche Einführung des am 21. Mai d. J. zum Superintendenten der Synode Siegen gewählten und von der höheren Behörde für dieses Amt bestätigten 1. Pfarrers Hermann Romberg in der hiesigen Kirche durch den Königlichen Generalsupehntendenten, Wirklichen Ober-Konsistorialrat D. Nebe, Münster, in Gegenwart der Geistlichen und vieler Lehrer und Presbyter des Kreises statt. Der Herr Generalsuperintendent legte seiner liebevollen und eindringlichen Rede als Text den Spruch Jesaja 3, V. 5 zu Grunde : Ich will euch Hirten geben nach meinem Herzen, die euch weiden sollen mit Lehre und Weisheit, während der Superintendent über Eph. 4, 1-6 ... predigte. Bei der Handauflegung assistierten der Assessor P. Achenbach, Siegen, und der Skriba P. Winterhager, Hilchenbach. Die Feier wurde gehoben durch Vorträge der Kirchenchöre von Ferndorf und Fellinghausen und des Jungfrauen-Vereins in Ernsdorf. Nach dem Gottesdienste fand eine Konferenz der Geistlichen, Lehrer und Presbyter im Gemeindehause statt und hierauf ein gemeinsarnes Mahl im Gasthofe Siebel.

Erhard Krämer

 


 

Pastor Hermann Romberg
Ferndorfer Pfarrer 1885 bis 1908
Superintendent ab 1902

Teil 2

Unter der Führung Rombergs wurde 1887 die "Neue Kirche", der große Kirchenanbau östlich an die "Alte Kirche", die mittelalterliche "Laurentiuskirche", errichtet. Romberg gab im Juni 1892 hierzu ein Schriftchen heraus, in dem er über den Erweiterungsbau und die Einweihungsfeier berichtete und das auch seine Festpredigt enthielt. Die Schrift bzw. ein Nachdruck von 1977 befindet sich in vielen Ferndorfer Häusern. Die Baukosten betrugen etwa 50.000,-- (Gold-)Mark, von denen ein zwar bekanntes, aber nicht genanntes Gemeindeglied 5.000,- Mark stiftete. Das übrige Geld musste geliehen werden. 
Im schon mehrfach erwähnten "Lagerbuch" hat Romberg, bisher unveröffentlicht, folgendes festgehalten: "Ferner ist zu erwähnen, dass in den neunziger Jahren die seit Jahrhunderten an die Inhaber der Pfarr- und Küsterstellen entrichteten Naturalabgaben abgeschafft worden sind, so dass seit dieser Zeit sämtliche Bedürfnisse der Kirchengemeinde durch direkte Steuern gedeckt werden. Im Jahre 1900 erhielt die Kirche von innen wie von außen einen neuen Anstrich mit schöner Malerei, namentlich des Chores, durch Maler Gangloff in Siegen, die Ausgaben hierfür konnten aus vorhandenen Mitteln gedeckt werden. Die Kirche selber dürfte gegenwärtig die schönste im Siegerlande sein."  Soweit Rombergs Bericht.
Sein Nachfolger, Pastor Schüler, schreibt später ins Lagerbuch:" Der 1902 zum (ehrenamtlichen, d. V.)  Superintendenten der Synode gewählte Pfarrer Hermann Romberg ging 1908 am 25. März heim, seine ohnehin schwankende Gesundheit war durch den Tod seines Sohnes erschüttert worden. Die Kirchengemeinde schenkte der Witwe, die seither mit ihren Kindern im eigenen Hause in Ferndorf (heute Schlehdornstraße 17, d. V.) wohnt,  5.000,- Mark."  Im Protokoll heißt es: "Es wird beschlossen, in Anerkennung der treuen Dienste, die der Verstorbene während der 23-jährigen Amtstätigkeit in der Gemeinde geleistet hat, der Witwe aus den verfügbaren Beständen eine Remuneration (Vergütung, d. V.)  von 5000 Mark zu zahlen."

Nachtrag
Im Jahr 1950 konvertierte der Theologiestudent Friedrich Romberg, ein Nachkomme Hermann Rombergs, zur röm.-kath. Konfession, nachdem er zuvor in Kreuztal wiedergetauft wurde ("bedingungsweise Taufe"). Diese nun 55 Jahre zurückliegende Handlung wurde in der Festschrift "St. Johannes Kreuztal,"  Kreuztal 2004, ausdrücklich dokumentiert (S. 372). F. Romberg wurde 1959 in Paderborn zum Priester geweiht.

Erhard Krämer

 


 

 

 

Vor sechzig Jahren: Luftangriffe im Ferndorftal

Am Sonntag, dem 18. März 1945, wurden die Ortschaften Kreuztal, Ferndorf und Buschhütten von schweren amerikanischen Luftangriffen heimgesucht. Zum Gedenken an den Angriff auf Ferndorf hat der frühere Kirchmeister Erhard Krämer folgende Worte formuliert und in der Abendandacht am 18. März 1995 in der Ferndorfer Kirche gelesen, Worte, die auch heute, nach weiteren zehn Jahren, so aktuell erscheinen wie damals:

Der Krieg ging dem Ende zu. Die Ostfront war zusammengebrochen. Die Amerikaner hatten den Rhein bei Remagen überstiegen. Unsere Heimat war unmittelbares Hinterland der Westfront. Fast täglich war Fliegeralarm, Bomben fielen, vor allem nachts in den Kreuztaler Bahnhofsbereich. Eisenbahnzüge, aber auch die Zivilbevölkerung wurden mit Bordwaften beschossen.

Viele Ferndorfer gingen tagsüber in den Wald, in der Hoffnung, dort sicherer zu sein. Die Hütten waren bewohnt, Behelfsheime, primitive Holzhäuschen und Unterstände wurden aufgebaut, alte Stollen wieder geöffnet. Das ganze obere Zitzenbachtal war bevölkert. Der 18. März war ein frühlingswarmer Sonntag. Schon morgens um halb 6 Uhr war Fliegeralarm. Im Osten stand eine rote Leuchtkugel am Himmel, ein Angriffssignal. Viele gingen wieder in den Wald. Kurz nach 15.30 Uhr gab es wieder Alarm, "Akute Luftgefahr". Die Menschen, die noch im Dorf waren, liefen in die Luftschutzkeller und Splitterschutzgräben, einige in den Kirchturm, der ihnen Schutz bot.

Schwere amerikanische Bomber kamen von Südwesten und entluden ihre todbringende Fracht. Nacheinander gingen drei sogenannte Bombenteppiche nieder: einer in den Wald hinter der Mühle, die Bombentrichter sind noch zu sehen, einer in die Aherweiden, der dritte ins Dorf. Es gab mehr als dreißig Tote. Ihre Gräber in der Mitte unseres Friedhofes mit ihren kleinen Steinkreuzen erinnern und mahnen uns, die wir davongekommen waren, aber auch die später Geborenen.

17 Häuser wurden total zerstört, 68 mehr oder wenigen stark beschädigt, darunter auch unsere Kirche und vor allem das Konfirmandenhaus. Bomben schlugen im Kirchhof ein und zerstörten Fenster und Dach der Kirche und die Kirchhofsmauer zur Straße hin. Skelettteile vom alten Friedhof lagen verstreut herum. Die Bomben hatten wohl dem Verschiebebahnhof in Langenau gegolten, Sie waren nur ein wenig zu spät ausgeklinkt worden. Etwa ein Drittel von ihnen hatte unser Dorf getroffen. Der Krieg, von Deutschland ausgegangen, war nun massiv über uns herein gebrochen.

Manche hielten es für ein Gottesgericht. Auch in Ferndorf hatte man einst die braunen Herren begrüßt. Auch hier wußte man nicht, was man tat.

Als dann am 9. April der Krieg durch den Einmarsch der Amerikaner für uns zu Ende und die Kirche wieder notdürftig repariert war, etwa drei Wochen nach dem Bombenangriff, strömten die Menschen in die Gottesdienste. Es bleibt uns Älteren die Erinnerung an Tod und Vernichtung, Schrecken und Angst, auch an den Hunger nach Gottes Wort, damals, 1945.

Erhard Krämer

 


 

Der Ferndorfer Kindergarten und die Femdorfer Kirchengemeinde

Der kommunale Kindergarten in der Femdorfer Straße ("Femdorfer Knirpse") begeht in diesem Jahr (2006) sein fünfzigjähriges Bestehen. Das ist ein guter Anlass, auch an die unterstützende Mitwirkung der Kirchengemeinde zu erinnern.
Als der Gemeinderat der politischen Gemeinde Ferndorf Ende 1953 an das Presbyterium herantrat mit der Bitte um Überlassung zweier Grundstücke von 1813 qm zum Bau eines Kindergartens im Flurstück "Am Hofacker" besaß die Ev.-reformierte Kirchengemeinde Ferndorf bereits zwei Kindergärten: In Buschhütten und in Fellinghausen. Es war noch die alte Kirchspielgemeinde, die später geteilt wurde.
Außer dem Kindergarten sollte das zu erstellende Gebäude noch eine evangelische Gemeindeschwestern Station aufnehmen und auch Sitz der Gemeindeverwaltung sein. Es
handelte sich allerdings um "zwei der wertvollsten Grundstücke aus dem Pfarrfonds". Im Zuge zu der erbetenen Schenkung wurde der Kirchengemeinde "jeder Einfluss auf die personelle Besetzung beider Einrichtungen und deren Verwaltung zugestanden", und zwar "für alle Zeiten". Die politische Gemeinde würde als Eigentümerin die Baukosten und die Finanzierung der Einrichtung übernehmen und die laufenden Kosten tragen. Die Kirchengemeinde erhielt ein Nutzungs- und Belegungsrecht für je eine Wohnung der Kindergartenleiterin und der Gemeindeschwester. Das Presbyterium war sich seiner Verantwortung bewusst, musste jedoch zuvor die Genehmigung der Landeskirche einholen. Diese wurde nach einer Ortsbesichtigung und einem Gespräch mit dem Presbyterium im Juni 1954 erteilt.
In dem Vertrag zwischen der Ev.-reformierten Kirchengemeinde und der politischen Gemeinde Femdorf wurde schließlich u. a. noch vereinbart: "Der Kindergarten soll nach dem Wunsch der Beteiligten einen bewusst evangelischen Charakter tragen. Bei der Erziehung der Kinder sollen christliche Grundsätze, insbesondere auch bei der Gestaltung von Feiern, durch Unterweisung in der biblischen Geschichte, durch Andacht, Gebet und Lieder, zugrunde gelegt werden. Die Kindergärtnerin und die Gemeindeschwester sollen ... auf jeden Fall bewusst evangelische Persönlichkeiten sein. Die Verwaltung ... soll durch ein ... Kuratorium aus einem Kreis evangelischer Männer vorgenommen werden, das mit je drei Personen von der pol. Gemeinde und des Presbyteriums gebildet wird. Der Vorsitzende des Kuratoriums ist der Ortspfarrer von Ferndorf. Diese Regelung soll für alle Zeiten gültig sein und die Arbeit vom Geist gegenseitigen Vertrauens getragen werden zum Segen der Gemeinde." Dieser Vertrag wurde sowohl vom Presbyterium als auch vom Rat der Gemeinde Ferndorf einstimmig beschlossen.
Aus der Kindergartenordnung vom Januar 1956 (als der Kindergarten eröffnet wurde) sei noch der 9. Artikel zitiert: "Jedem Kind sind täglich mitzugeben: vormittags: Frühstück, Taschentuch und Handtuch ..., nachmittags Taschentuch und Handtuch mit Namen."
In der Dienstordnung für die Leiterin heißt es ausdrücklich „Züchtigungen der Kinder sind streng verboten."
Der Kindergartenneubau kostete (bis 1956) rund 200.000,- DM. In weiteren Bauabschnitten wurde das Gebäude später erheblich vergrößert. Die Feuerwehr erhielt ein Domizil, es wurden Wohnungen erstellt und Ferndorf bekam eine Postfiliale.
Die Kirchengemeinde konnte die sich aus dem Vertrag ergebenden Rechte weithin nicht wahrnehmen, insbesondere das Nutzungsrecht für die beiden Wohnungen. Zudem ging das Eigentum an die Stadt Kreuztal über und die Kindergartenverwaltungen wurden zentralisiert. Daher bemühte sich das Presbyterium 1993 in Verhandlungen mit der Stadt, den Vertrag im beiderseitigen Einvernehmen bei Zahlung einer Abfindungssumme an die Kirchengemeinde aufzulösen. Die Stadt Kreuztal war einverstanden und leistete der Kirchengemeinde eine angemessene Entschädigung, die der Orgelrenovierung zugute kam. Auch weiterhin wurde durch den Ortspfarrer die jährliche Weihnachtsfeier des Kindergartens im evangelischen Gemeindehaus mitgestaltet und auf diese Weise Evangelium verkündigt. Ein gutes Einvernehmen zwischen Kirchengemeinde und Kindergarten besteht unverändert fort, wenngleich die Erinnerung an die kirchliche Grundstückstiftung inzwischen verblasst ist.
Erhard Krämer